Einleitung

Steht man heute auf dem Neuen Markt in Rostock, so scheint es nur schwer vorstellbar, dass dieser Platz einmal wirtschaftlich, kulturell und sogar politisch das unumstrittene Zentrum der Hansestadt gewesen sein soll.

Steht man auf dem Neuen Markt in Rostock, so ist es nur schwer vorstellbar, dass dieser Platz einmal wirtschaftlich, kulturell und sogar politisch das unumstrittene Zentrum der Hansestadt gewesen sein soll. Während sich heute auf diesem geschichtsträchtigen Platz ein paar Gemüse- Blumen- und Lebensmittelverkäufer mit Strumpfhosen und Socken verkaufenden Händlern zu einem „Wochenmarkt“ zusammenfinden und der Platz auf Touristen und Einheimische einen eher ungenutzten und damit trostlosen Eindruck macht, so hatte der Neue Markt sich seit seiner Entstehung über Jahrhunderte hinweg, bis zum II. Weltkrieg als wichtigster und schönster Marktplatz Rostocks einen Namen weit über seine Stadtgrenzen hinaus gemacht. Aufgrund der exponierten Lage, der prächtigen Giebelbauten und den damit verbundenen kostspieligen Mietpreisen wohnten nicht nur die wohlhabendsten und angesehensten Bürger am Neuen Markt, sondern in jedem Haus befanden sich auch Ladengeschäfte unterschiedlichster Natur, die den Markt zusätzlich belebten und Händler, Einheimische und Gäste gleichermaßen anzogen. Durch die geschlossene Bebauung bis 1942 besaß der Markt noch zusätzlich einen unvergleichbaren Charakter.

Während die Städtebauer der DDR es nach dem II. Weltkrieg, insbesondere durch den nicht erfolgten Wiederaufbau bzw. Abriss der Nordseite, versäumten, dem Markt sein ursprüngliches Gesicht wiederzugeben (einzige Ausnahme sind einige Bauten auf der Westseite des Platzes), so handelten die Architekten und Stadtplaner seit 1990 ebenfalls nicht im Sinne des Marktes. Spätestens mit dem Verbot der Durchfahrt von Autos am Rathaus entlang Richtung Steinstraße, scheint der Neue Markt endgültig vom pulsierenden Leben der Innenstadt abgeschnitten zu sein. Die meisten Touristen finden ihn gar nicht mehr, oder haben kaum Anreiz, den Platz zu besuchen. Einzig als Weihnachts-, Pfingst- oder Ostermarkt vermag der Platz an wenigen Tagen im Jahr Besucher in Scharen anzulocken.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer für diesen früher so attraktiven Ort scheint aber langfristig in Sicht, denn die Stadt plant, die Nordseite des Platzes wieder zu bebauen: für die Wiederbelebung des Neuen Marktes kann dieser Aspekt nur von Vorteil sein, denn der Platz bekommt dadurch die Chance, sich endlich seines „unfertigen“ Charakters zu entledigen….

Im Zuge der Entstehung der Rostocker Altstadt bis zum Jahr 1218, der Rostocker Mittelstadt bis 1232 und der Entstehung der Rostocker Neustadt bis 1252 besaß jede „Stadt“ ihren eigenen Markt, Rathaus und Kirche. Erst 1265 wurden durch die Rostocker Räte die drei Teilstädte mit ihren Zentren Marienkirche, Petrikirche und Nikolaikirche zu einer Kommune vereinigt. Der Marktplatz der Rostocker Mittelstadt (circa forum medium, by dem middelmarkede, up dem großen Marckde, up dem nigen marck) wurde nach der Zusammenlegung der drei Teilstädte Amtssitz des geeinten Rostocker Rates und erfuhr eine große Bedeutung für Politik, Wirtschaft und Handel.

Über das Jahr der Entstehung des Marktes gibt es unterschiedliche Angaben, seine namentliche Ersterwähnung ist zeitlich identisch  mit dem oben genannten Zusammenschluss. Durch seine zentrale Bedeutung hieß er häufig auch der Große Markt, oder der große Mittelmarkt. Der Name Neuer Markt wurde erst verwandt, nachdem der neustädtische Markt die Bezeichnung Universitätsplatz erhielt.

Neben der Besonderheit der geschlossenen Bebauung bis 1942 waren auf dem Neuen Markt auch vier der für Rostock bekannten sieben mal sieben „Kennewarden“ (Wahrzeichen) vereint: sieben Straßen führten zum Mittelmarkt, sieben Türme zierten die Marienkirche, sieben Türme schmückten das Rathaus und sieben Glocken schlugen dort. Das imposante Rathaus auf der Ostseite des Neuen Marktes wurde wahrscheinlich zwischen 1250 und 1270 gebaut und bildet auch heute noch den zentralen Mittelpunkt des Platzes. 

Der Platz selber diente in erster Linie dem Handel, aber auch das Rathaus funktionierte lange Zeit als eine Art Kaufhaus: die gewerbetreibenden Stände verkauften hier gegen eine Standgebühr ihre Waren.

Auch die Bestrafung von Verbrechern an öffentlichen Prangern wurde im Mittelalter auf dem Neuen Markt vollzogen. An der sogenannten Schandsäule, auch Kaak genannt, erfolgte das öffentliche Anprangern und Durchführen körperlicher Züchtigungen bis hin zur Exekution von Straftätern. In Krisenzeiten diente der Platz auch dem Ausfechten der politischen Konfrontationen zwischen dem Rostocker Rat und der Opposition und präsentierte damit neben der wirtschaftlichen und administrativen auch die politische Seite des städtischen Lebens in Rostock.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts dienten die im Laufe der Jahrhunderte entstandenen auffälligen Giebelhäuser auf der West- und Südseite als Wohnungen des jeweiligen Stadtkommandanten, der Hauptbau der Nordseite als Hauptwache, und an der Ostseite stand der Rathauskomplex. Auch im weiteren Verlauf befanden sich aufgrund der exponierten Lage die Häuser fast ausnahmslos in den Händen der städtischen Obrigkeit bzw. wichtiger Rostocker Persönlichkeiten. Der Neue Markt gewann noch zusätzlich an Attraktivität, da nicht nur der Platz an sich zum Verkauf von Waren genutzt wurde, sondern in den den Markt säumenden Häusern eröffneten immer mehr Geschäftsleute ihre Läden. In den Jahren zwischen 1850 und 1942 gab es kein einziges Haus am Neuen Markt, in dem nicht mindestens ein Geschäft seine Türen für die zahlreiche Kundschaft geöffnet hatte. Die Geschäfte reichten von Delikatessen- und Lebensmittelhandlungen, über Drogerien, Tabakläden, Antiquitätenhandel, Fahrradgeschäfte, Bekleidungshäuser und Friseure bis zu Gaststätten und Cafes. Sogar Automobilausstellungen waren in den teilweise großzügigen Geschäftsäumen der Häuser möglich.

Im April 1942 wurde der Neue Markt von „angloamerikanischen“ Bomben fast komplett zerstört, nur die Häuser 11, 12, 13 und das Rathaus überdauerten den II. Weltkrieg völlig unbeschadet. 1947 lobte die Stadt Rostock ein Architekturwettbewerb zum Wiederaufbau des Neuen Marktes aus. Da aber die meisten Architekten im Land mit der Planung von Neubauten beschäftigt waren, wurde der Wettbewerb auf das Frühjahr 1948 verschoben. Die dann eingereichten Entwürfe der Architekten waren vielfältigster Natur. Sie reichten von der Vision des Marktplatzes als Zentrum der Stadt mit modernster Architektur und ohne Rücksicht auf die historischen baulichen Besonderheiten bis zu Konzeptionen eines behutsamen Nebeneinanders von alter hanseatischer Bautradition und neuen, dem Zeitgeist entsprechenden Bauten. Während der Tagung der Preisrichter am 26./27.Oktober 1948 (unter ihnen auch der später bekannte Rostocker Architekt Albrecht Jaeger) kamen Jurymitglieder zu dem Entschluss, den Entwurf des Dresdener Architekten Dr. Rauda für ca. 3000 DM anzukaufen. Aus formellen Gründen konnte die Konzeption nicht prämiert werden, da Dr. Rauda bereits Anfang 1948 von der Stadt beauftragt worden war, Pläne für den Wiederaufbau Rostocks vorzulegen und dies bereits Anfang September schon getan hatte. Die Entscheidung des versammelten Preisgerichtes musste dann auch gebührend gefeiert werden und so schrieb der damalige Stadtrat Westphal am 27.Oktober 1948 dem  damaligen Oberbürgermeister: „Wir bitten Sie, uns für diesen Zweck aus den beschlagnahmten Rauchwaren bei der Firma N. 1000 Stück Zigaretten zuzuweisen.“

Die eingereichten Arbeiten für den Architekturwettbewerb stellte man  anschließend sogar im Museum aus und jeder Bürger besaß die Möglichkeit, seine Meinung per Stimmzettel kundzutun. Dies hat zwar keinerlei Bedeutung mehr für die Neugestaltung des Marktes, aber immerhin wurde der Bürger zu diesem Zeitpunkt noch wenigstens formal nach seiner Meinung gefragt.

Nach der Gründung der DDR 1949 kam der Name „Neuer Markt“ für die sozialistische Regierung nicht mehr in Frage. Aus ideologischen Gründen heißt der Platz ab dem 15.April 1952 Ernst Thälmann Platz. Und auch sonst veränderte der Platz zunehmend sein Gesicht. Zeugten die Häuser Nummer 19, 20 und 25 auf der Nordseite des Marktes auch nach dem II. Weltkrieg noch von einer geschlossenen Bebauung des Marktes, so wurden sie aber wegen der Anbindung an die 1953 erbaute Lange Straße an den Markt 1961/62 abgetragen, so dass die Nordseite des Marktes bis heute komplett unbebaut ist. Auf den Grundstücken Nummer 35 und 1-2 errichtet die Stadt in den sechziger Jahren ein Seemannsheim und die Großgaststätte „Haus Sonne“, die Häuser Nummer 3-8 wurden in den fünfziger Jahren äußerlich einheitlich an das Aussehen ehemaligen Giebelhäuser angepasst, hier befindet sich in allen Häusern seit 1953 die Deutsche Post. Die Häuser des Neuen Marktes Nummer 9, 10, 14, 15, 16 , 17 und 18 der Westseite erhielten bis 1965 ein neues Gesicht, bzw. wurden neu erbaut, wobei durchaus der Spagat zwischen alter und zeitgemäßer Baukunst gelang. Während die Nordseite unbebaut blieb, erhielt das Rathaus auf der Ostseite in den 50er Jahren auf der linken Seite einen Anbau, 2001 wurden Erd- und Dachgeschoss dieses Anbaus noch einmal erneuert und modernisiert.

Auch was den Verkehr betrifft, erlebte der Neue Markt im Laufe der Zeit eine Reihe von Veränderungen. Seit dem 16.Oktober 1881 fuhr eine Pferdebahn über den Platz, vor der Nummer 14 befand sich die Haltestelle dafür. Am 23.Mai 1904, einem Pfingstsonntag, wurde die Pferdebahn von der elektrischen Straßenbahn abgelöst. Nach der teilweisen Unterbrechung des Verkehrs durch den II. Weltkrieg fuhr schon ab dem 13.August 1945 die Straßenbahn wieder stundenweise und am 1.Dezember 1945 wurde der Betrieb wieder ganztägig aufgenommen. Ab Juni 1961 fuhren die Straßenbahnen gerade über den Platz Richtung Stein- oder Lange Straße am Rathaus entlang, und der Marktplatz wurde ausschließlich als Parkplatz und zu den sozialistischen Feiertagen wie dem 1. Mai und dem 7. Oktober als Schauplatz des Triumphes der sozialistischen Errungenschaften genutzt. Auch nach der Wende war der Neue Markt in erster Linie Parkplatz und ermöglichte Einheimischen und Besuchern einen kurzen Weg in das Stadtzentrum. Im Jahr 2004 wurde der Durchgangsverkehr für den Neuen Markt komplett gesperrt, einzig die Straßenbahn darf  heute noch den Platz passieren.


Als erwähnenswerte historische Besonderheit zierte bis 1840 den Neuen Markt die sogenannte Wasserkunst. 1841 errichtete man auf dem Neuen Markt anstelle der Wasserkunst ein Brunnen. Wenn auf dem Platz Markttag war, umringten den Brunnen eine Reihe von Verkaufsständen und Droschkenbesitzer warteten in der Nähe auf Fahrgäste. An marktfreien Tagen erfreuten sich jede Menge Einheimische und Gäste an dem Brunnen. 1925 wurde der Brunnen aus verkehrstechnischen Gründen demontiert, denn hier entstand die neue Haltestelle der Straßenbahn. Heute steht auf diesem geschichtsträchtigen Platz der - insbesondere bei den Einheimischen sehr umstrittene - „Möwenbrunnen“ des Worpsweder Künstlers Waldemar Otto.